Konzept

Wer hat den Test entwickelt?

Autor von schreib.on ist Dr. Peter May. Er beschäftigt sich seit über vierzig Jahren mit Fragen des Schriftspracherwerbs und der Lernschwierigkeiten beim Lesen und Schreiben.

Viele Jahre arbeitete er als Lehrer an Haupt- und Realschulen und als Schulpsychologe. Von 1994 bis 2000 begleitete er das Projekt "Lesen und Schreiben für alle" wissenschaftlich. Er war als wissenschaftlicher Direktor im Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung Hamburg für Testentwicklung zuständig. Er ist  der Autor der Hamburger Schreibprobe und der Hamburger Leseprobe sowie weiterer Schulleistungstests.

Dr. May veröffentlichte 2006 und 2017 empirische Studien über deren außerschulischen Fördererfolg bei Kindern mit Problemen im Lesen und Schreiben.

schreib.on wurde in Zusammenarbeit mit den Lehrinstituten für Orthographie und Sprachkompetenz (LOS) und unter Berücksichtigung ihrer Erfahrungen in der außerschulischen Förderung von Kindern und Jugendlichen im Lesen und Rechtschreiben entwickelt.

Von welchem Konzept geht schreib.on aus?

Nach übereinstimmender Auffassung der meisten Wissenschaftler und Pädagogen lernen Kinder das Lesen und Schreiben in aufeinander folgenden Stufen. Frith und Günther haben dazu Mitte der 1980er-Jahre ein so genanntes Schriftspracherwerbsmodell erarbeitet.

Es geht davon aus, dass auf dem Weg zur Beherrschung des Lesens und Schreibens diese Stufen durchlaufen und entsprechende Lernschritte absolviert werden müssen. Einzelne Kinder verharren auf einer bestimmten Stufe länger, andere kommen schneller voran. Alle Kinder sind jedoch - unter Umständen mit zusätzlicher pädagogischer Förderung - in der Lage, sich nach und nach geeignete Zugriffsweisen für die Schreibung der Wörter anzueignen und bislang nicht oder nicht vollständig vollzogene Lernschritte nachzuvollziehen. Beim Durchlaufen der Stufen der Lese- und Schreibentwicklung eignen sich die Kinder entsprechende Rechtschreibstrategien an.

schreib.on liegt eine erweiterte Fassung dieses Entwicklungsmodells zugrunde, die zusätzlich die morphematische Strategie sowie die wortübergreifenden Zugriffsweisen umfasst.

Welche Rechtschreibstrategien gibt es?

Die alphabetische Strategie
Die Schreiber sind fähig, den gehörten Lauten Buchstaben oder Buchstabenverbindungen zuzuordnen und Wörter entsprechend der eigenen Aussprache zu schreiben (z. B. *mota für "Mutter" oder *farat für "Fahrrad"). Die auf diese Weise geschriebenen Wörter mögen zwar nicht immer orthographisch richtig sein, doch kann ihre Bedeutung meistens durch lautes Vorlesen erkannt werden.

Die orthographische Strategie
Die Schreiber haben gelernt, dass allein die Schreibung nach der Aussprache nicht ausreicht, sondern dass viele Schreibungen zusätzlichen Regeln folgen, die auch auf andere Fälle angewandt werden können. Dazu gehören vor allem Längezeichen (z. B. Ziege, Bahn) und Kürzezeichen (z. B. Koffer, rennen) sowie die Schreibung von "st" und "sp" am Wortanfang (z. B. Spinne, stolpern).

Die morphematische Strategie
Die Schreiber erkennen, dass viele Wörter miteinander verwandt sind, weil sie einen gemeinsamen Wortstamm haben (z. B. kaufen, Käufer), und dass Wörter aus Bausteinen (Morphemen) zusammengesetzt sind (z. B. setz-en, ver-setz-en). Wer diese Strategie beherrscht, leitet die Schreibung aus der Kenntnis der Verwandtschaft der Wörter ab (z. B. waschen -> Wäsche) und kann Wörter nach dem Baukastenprinzip zusammensetzen (z. B. Hand, Handel, Verhandlung).

Die wortübergreifende Strategie
Viele Schreibungen hängen von der Stellung des Wortes im Satz ab, so z. B. oftmals die Groß- oder Kleinschreibung. Auch der korrekte Einsatz von Satzzeichen und die dass-Schreibung in Nebensätzen gehören zum Bereich der wortübergreifenden Strategie.

Wie ermittelt schreib.on den Stand der Beherrschung der Rechtschreibstrategien?

schreib.on ist ein umfassendes Testsystem mit insgesamt 27 Testversionen für die Klassenstufen 1 bis 12 und für Erwachsene. Für schreib.on wurden über 700 aktiv zu schreibende Wörter sowie Sätze und (fehlerbehaftete) Texte ausgewählt, die in typischer Weise die Anwendung der grundlegenden Rechtschreibstrategien erfordern und so Aufschluss über ihre Beherrschung geben. 

Während des Tests werden vorgegebene Wörter und Sätze geschrieben und ab Klasse 8 fehlerbehaftete Texte korrigiert. Die individuellen Schreibungen und Korrekturen werden danach untersucht, inwiefern sie bereits richtig oder angemessen geschrieben sind. Dazu werden alle Wortstellen analysiert und danach bewertet, welche Rechtschreibstrategien die Schreibenden anwenden. 

Die Auswertung des Tests liefert auf der Grundlage der Anzahl richtig geschriebener Wörter und der Graphemtreffer ein Gesamtergebnis, welches das individuell erreichte Niveau der Rechtschreibleistung bezeichnet. Darüber hinaus wird der Stand der Beherrschung der einzelnen Strategien aufgezeigt und ein Strategieprofil beschrieben. Anhand von Normentabellen werden die individuellen Leistungen mit der deutschlandweiten Leistungsverteilung verglichen. 

Darüber hinaus wird durch schreib.on die schon erreichte Kompetenzstufe[PM1] ermittelt, die unabhängig vom sozialen Vergleich mit anderen Schülern angibt, welchen sachlichen Anforderungen in der Rechtschreibung die individuelle Leistung entspricht. 


 [PM1]Link einfügen zur Begriffserläuterung Kompetenzstufen.

Ist der Test standardisiert?

Die Leistungen der einzelnen Schüler und Erwachsenen werden bei schreib.on immer mit den Leistungen aller Schüler einer Altersgruppe (Klassenstufen 1 bis 12) und verschiedener Schulformen (entweder alle Schulformen zusammen oder getrennt nach Gymnasium und übrige Schulformen) verglichen. 

Die Vergleichsnormen für schreib.on werden auf der Grundlage der online erfassten Testergebnisse regelmäßig aktualisiert. Die letzte Normierung wurde im Jahr 2017 durchgeführt. Da die mit schreib.on getesteten Schüler bisher eher dem schwächeren Leistungsspektrum entsprechen, wurden die Testverteilungen mithilfe anderer Erhebungen (z.B. IGLU, KESS, HSP), in denen ein Teil der in schreib.on verwendeten Wörter ebenfalls geschrieben wurden, an die deutschlandweite Verteilung angeglichen. Dadurch sind die Normenverteilungen von schreib.on repräsentativ für alle Schüler der Klassenstufen 1 bis 12  in Deutschland.

Eine im Jahr 2016 durchgeführte Testanalyse mit den Ergebnissen aller ca. 250.000 bis dahin erfasster Tests bescheinigt schreib.on hervorragende Testeigenschaften. Die computergesteuerte Testdurchführung und die online-gestützte Auswertung garantiert eine sehr hohe Objektivität und Zuverlässigkeit von Testdurchführung und –auswertung. Die Werte für Reliabilität (Zuverlässigkeit) und Validität (Gültigkeit) des Tests sind durchweg hervorragend oder mindestens sehr gut. Die Werte für die Testgüte liegen bei schreib.on durchweg noch höher als bei der HSP, die auch schon vergleichsweise sehr gute Testeigenschaften aufweist.

Vergleich zur HSP

HSP und schreib.on haben nicht nur eine gemeinsame theoretische Grundkonzeption (strategieorientierte Rechtschreibdiagnose auf der Grundlage der Wortstellenanalyse), sondern beinhalten auch einen Teil gemeinsamer Wörter. Allerdings ist die Anzahl der Testwörter in schreib.on (ca. 2200 verschiedene Wörter) sehr viel größer als in der HSP (ca. 220 Wörter) und es werden in schreib.on alle Wortstellen ausgewertet, während in der HSP lediglich ausgewählte Lupenstellen ausgewertet werden. Zudem umfasst schreib.on für alle Klassenstufen mehrere Parallelformen und die Altersspanne reicht von Klasse 1 – 12 und darüber hinaus, während die Normentabellen der HSP nur bis Klasse 10 reichen. 

Der wichtigste Unterschied zwischen schreib.on und HSP besteht in der Durchführung und Auswertung. schreib.on ist ein konsequent digitalisierter Rechtschreibtest, bei dem Durchführung, Auswertung und Ergebnisdarstellung von einem Online-System gesteuert wird. Daher werden die Testergebnisse sofort nach der Testdurchführung ausgewertet und in einem Gutachten interpretiert. Die Ergebnisse können jederzeit aus dem Internet erneut abgerufen und ggf. mit den Ergebnissen von Folgetests verglichen werden.